Blühendes Wunder statt Einheitsgrün

Margeriten, Rote Lichtnelken und Wiesenglockenblumen sind in der freien Landschaft recht selten geworden. Geben wir ihnen in unseren Gärten ein Zuhause! (Quelle: L. Domdey)

Auf extensivem Grünland auf der Baar oder in abgelegenen Tälern des Schwarzwaldes und der Schwäbischen Alb sind sie noch zu finden: Duftende Blumenwiesen voll unterschiedlicher Kräuter und Gräser, beeindruckend durch ihre Blütenpracht und Artenvielfalt.

Wie kommt es, dass man sich an dieser Vielfalt in der Natur erfreuen kann, sie aber im eigenen Garten gleichzeitig verbissen bekämpft? Viele Vorgärten sind geprägt durch streichholzkurze Zierrasen. Sie wirken steril, sehen aus, als wären sie direkt dem Gartenkatalog entsprungen und sind eigentlich eine Vergewaltigung der Natur. Solche Vorgartenglatzen entstehen durch den Rasenmäher, der einmal wöchentlich das Grün
vor dem Haus kurz hält und die Nerven der Nachbarn in die Länge zieht. Schafgarbe oder Wiesen-Glockenblume haben hier kaum eine Chance. Wo dennoch einmal ein Gänseblümchen oder ein Löwenzahn hochkommt, werden sie verbissen einzeln ausgestochen, nachdem man sie nicht mehr mit Unkraut-Ex beseitigen darf.
Wer sich ein Gespür für die Natur erhalten hat, erkennt jedoch zunehmend, dass der Einheitsrasen auf Dauer nicht nur langweilig anzusehen ist, sondern auch keinerlei ökologischen Wert hat.

Wie wäre es also mit einer Blumenwiese im Garten ? Immerhin können sich dort Hunderte verschiedener Tierarten einfinden. Insbesondere sind dies Insektenarten, also z.B. Schmetterlinge wie Schachbrettfalter oder Bläuling, aber auch vielerlei Bienen- und Käferarten.

Zu den Wiesenbewohnern gehören außer Blindschleichen und Eidechsen auch Grasfrösche und Bodenbrüter, die im hohen Gras nach einem schattigen Versteck suchen. Wer weiß schon, dass Kleinvögel auf einer Wiese bis zu viermal mehr Nahrung finden als auf einem Rasen?

Außerdem ist eine Blumenwiese pflegeleicht: Sie braucht nur zweimal im Jahr geschnitten werden, bedarf keiner Düngung und hilft sogar beim Wassersparen: Die Feuchtigkeit wird im hohen Gras gespeichert und die künstliche Bewässerung wird überflüssig.

Wie können wir nun unseren grünen Teppich in ein Blumenmeer verwandeln? Die einfachste Möglichkeit ist, die Fläche nur zweimal jährlich zu mähen, beispielsweise Anfang Juni und Anfang September. Wer die Mähtermine über mehrere Jahre hinweg beibehält, kann davon ausgehen, dass sich eine artenreiche Wiese entwickelt.
Das gemähte Gras muss freilich entfernt werden, sonst verfilzt die Wiese.

Wie schnell ein Erfolg sichtbar wird hängt stark von der Bodenbeschaffenheit des Gartens ab: je weniger Nährstoffe im Untergrund enthalten sind, desto mehr Pflanzenarten gedeihen. Eine Wiese auf steinreichem Kalkboden wird vielfältiger und bunter sein als eine auf nährstoffreichem lehmigem Boden. Nährstoffarme Böden über Urgestein bieten ganz besonderen Wiesenbewohnern einen Lebensraum. Die Borstgrasrasen des Schwarzwaldes stellen sich ein.

Wer seinen Rasen regelmäßig gedüngt hat, um den Graswuchs zu fördern, braucht nun einige Jahre Geduld, bis sich von selbst wieder Wildkräuter ansiedeln. Um überschüssige Nährstoffe zu entfernen, kann im ersten Jahr ruhig noch öfter gemäht werden.

Der Prozess der Umwandlung eines Rasens kann auch beschleunigt werden: Man reißt an einigen Stellen den Boden auf und entfernt den Rasen. Dadurch gibt man Wiesenblumen die Möglichkeit, sich anzusiedeln, die sich andernfalls mühsam gegen die Gräser durchsetzen müssten. Von dort aus können sich dann in den ganzen Rasen ausbreiten.

Der Gartenbesitzer hat so die Möglichkeit, die Entstehung seiner Blumenwiese von Anfang an zu verfolgen. Es ist interessant zu beobachten, wie sich mit der Zeit die Anzahl der Tier- und Pflanzenarten vergrößert, die auf die Wiese als Lebensraum angewiesen sind.

Wer weniger Geduld hat, kann auch eine Wiese aussäen. Einige im Handel erhältlichen Wildblumenmischungen sind jedoch nicht unbedingt empfehlenswert. Nicht selten enthalten sie Arten aus Nordamerika oder dem Mittelmeerraum. Außerdem sind unter den Samen häufig einjährige Wildkräuter. Schon so mancher Gartenfreund musste feststellen, dass die bunte Wiese vom ersten Jahr nach der Aussaat im darauffolgenden Jahr nur noch wenig an Farbenpracht zu bieten hatte.

Beim Kauf einer Wiesenmischung ist deshalb darauf zu achten, dass der Anteil an Gräsern möglichst gering ist. Am besten suchen wir die Blumensamen getrennt nach Art aus und stellen so eine Mischung zusammen, die für den Boden im eigenen Garten geeignet ist. Während sich Frühlingsplatterbse und Wiesenstorchschnabel auf frischem und schwerem Boden wohlfühlen, bevorzugen Grasnelke, Leimkraut und Natternkopf leichten, trockenen Untergrund. Eine Mischung könnte außerdem bestehen aus Ehrenpreis, Wegwarte, Bunter Kronwicke, Wiesenflockenblume und verschiedenen Klee- und Gräsersorten.

Ein weiterer Tipp: Bei einem Spaziergang im Bregtal oder auf den Fürstenberg zur richtigen Jahreszeit kann man jede Menge standortgerechte Samen an Wegrändern und auf Wiesen sammeln.
Was gibt es bei er Aussaat zu beachten?

Die günstigste Saatzeit liegt zwischen Mai und August, da die Temperatur mindestens 8°C betragen sollte. Erfahrene Gartenbesitzer werden auf der Baar eher ein wenig abwarten, denn Frost ist ja hier bekanntlich auch im Mai keine Seltenheit. Wer sicher gehen will, zieht die Samen in kleinen Töpfchen an. Die Saatmenge liegt durchschnittlich bei 5-10 g/qm, die Saattiefe bei maximal 5mm. Die Samen werden leicht untergeharkt, festgedrückt und 6 Wochen lang regelmäßig gegossen.

Von der Saat nun zur Mahd: Wenn die Blumenwiese einmal steht, wird der herkömmliche Rasenmäher überfordert sein. Deshalb ist es sinnvoll, zur Sense oder, je nach Grundstücksgröße, zum Balkenmäher zu greifen. Der Umgang mit der Sense ist vor allem an Steilhängen sinnvoll, freilich nicht ganz einfach zu lernen. Das Mähgut eignet sich als Mulch für Sträucher und Obstbäume oder zur Kompostierung. Kleine Haustiere können damit gefüttert werden, wenn keine giftigen Pflanzen dabei sind. Über Heu aus dem eigenen Garten freuen sich nur Zwergkaninchen.

Ein Garten soll aber nicht nur ein Biotop sein, sondern auch dem Menschen zur Erholung dienen. Für die Teile des Gartens, die als Spiel- und Tummelfläche vorgesehen sind, bietet sich ein Blumenrasen als Zwischenform an, auf dem immerhin noch Gänseblümchen, Breitwegerich und Ehrenpreis wachsen. Er wird alle drei bis vier Wochen geschnitten. Rasen haben dort ihren Sinn, wo sie wie ein Fußballfeld regelmäßig betreten werden. Das hält keine Blumenwiese aus. Bei den meisten Vorgärten dagegen gilt bisher: Betreten des Rasens verboten!

Gerhard Bronner

Was sagt der Nachbar?

Für viele mag es ein Hemmnis für eine Blumenwiese sein, dass die Nachbarn misstrauisch beobachten, wie sich Löwenzahn und andere Blumen aussamen. Sie befürchte Samenflug und Verunkrautung und bevor man das gutnachbarschaftliche Verhältnis belastet, verzichtet man lieber auf die Blumenwiese.

In einem solchen Fall bietet sich als Kompromiss an, einen Streifen entlang der Nachbargrundstücke weiter als Rasen zu mähen und nur den restlichen Garten hoch wachsen zu lassen. Falls es doch einmal hart auf hart kommt und der Nachbar mit dem Anwalt gegen Margeriten und Schafgarbe droht: Im Nachbarschaftsrecht ist geregelt, dass der Samenflug durch sich natürlich ansiedelnde Kräuter hingenommen werden muss. Anders sieht es aus, wenn Blumen angepflanzt wurden. Dann hat der Nachbar tatsächlich ein Recht auf Unterbindung des Samenflugs. Dies ist also ein weiteres Argument, bei der Umwandlung eines Rasens geduldig zu warten.

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